Das sind die Guten, das sind die Bösen!

Es ist nichts Neues, dass der Mensch in gut und böse kategorisiert. Wir sind soziale Wesen, die schon seit jeher in Gruppen zusammenleben. Diese Kategorisierung kann sogar sehr nützlich sein, denn es vereinfacht auch den gemeinsamen Umgang miteinander im Alltag. Eine allgemein gültige Definition, was gut und was böse ist, gibt es nicht. Trotzdem füllt man innerhalb kürzester Zeit diese theoretischen Begriffe mit Inhalten und zwar mit solchen, die für seine eigene subjektive Lebenswirklichkeit relevant sind.

Nein, nein, keine Angst! Ich werde jetzt nicht philosophisch. Aber ich finde, das trifft schon ganz gut, was bei uns in der Landwirtschaft zur Zeit Sache ist. Während der biologischen Landwirtschaft vieles zugeschrieben wird, was gut ist und als positiv empfunden wird, wird der konventionellen Landwirtschaft vieles zugeschrieben, was schlecht ist und als negativ empfunden wird. Dabei gibt es in so vielen Bereichen des täglichen Lebens und auch in der Landwirtschaft das Wenigste was nur in gut oder böse, in schwarz oder weiß kategorisiert werden kann.

Es gibt so viel dazwischen und ich finde, dass wir über jeden landwirtschaftlichen Betrieb froh sein müssen, der bewirtschaftet wird. Wir sollten jedem Hofübernehmer und jeder Hofübernehmerin dankbar sein - egal ob der Betrieb groß oder klein ist, biologisch oder konventionell bewirtschaftet wird. Unsere heimische Landwirtschaft können wir doch nicht mit unserem Gut/Böse Denken gefährden!

Denn ansonsten werden irgendwann Viele - vor allem konventionelle Bäuerinnen und Bauern -  den Hut drauf werfen und einfach aufhören zu wirtschaften bzw. gar nicht erst damit beginnen. Und das sind immerhin 78 % der burgenländischen Betriebe bzw. fast 80 % der österreichischen Betriebe!

Manche können oder wollen ihren Betrieb nicht biologisch bewirtschaften, sei es aus ideologischen, ökonomischen oder irgendwelchen anderen Gründen. Ich finde, es soll doch jeder selber entscheiden können, wie er oder sie wirtschaftet. Sehr vielen konventionellen Bäuerinnen und Bauern ist die Umwelt und Nachhaltigkeit ebenso ein großes Anliegen. So auch uns. Viele glauben, dass wir Bio-Bauern sind, weil wir einen sehr vielfältigen Betrieb haben. Dem ist aber nicht so. Auch wir gehören zu den "Bösen". Und dennoch bin ich damit aufgewachsen, nur das zu essen, was gerade Saison hat, das zu kaufen was es in der Region gibt, unnötige Fahrten zu vermeiden, Maschinen und Geräte so lange zu reparieren bis es keinen anderen Weg mehr gibt, als sie wegzuschmeißen (und sogar dann werden sie bei uns noch als Ersatzteillager verwendet) - und glauben Sie mir, wenn ein Gerät zum gefühlten 100-Mal zu reparieren ist, aber aus Prinzip nichts Neues angeschafft wird, kann das manchmal auch ganz schön anstrengend sein. Mein Vater hat bereits in den 90er Jahren angefangen zu kompostieren, um damit und mit dem anfallenden Mist und Gülle der Nutztiere, unsere Felder und Äcker zu düngen. Eine Kreislaufwirtschaft war uns immer schon ein großes Anliegen. Das alles ist bei uns schon seit jeher gelebte Praxis!

Und ja, wir verwenden Pflanzenschutzmittel - ein Thema, das neben der Nutztierhaltung zur Zeit ebenfalls sehr kritisch gesehen wird. Hierzu ist meine Einstellung, dass es wichtig ist, dass man die Möglichkeit hat Pflanzen vor Krankheiten oder Schädlingen zu schützen, aber der Schaden - sei es für Tiere, Menschen oder Umwelt - darf nicht größer sein, als der Nutzen den man davon hat. 

Während die biologische Landwirtschaft beim Pflanzenbau in Sachen Umweltschutz klar voran liegt - hier dürfen keine chemisch-synthetischen

Pflanzenschutzmittel oder Mineraldünger verwendet werden - kann die konventionelle Landwirtschaft besser auf Krankheiten und Schädlinge reagieren. Konventionelle Betriebe können auf kleinerer Fläche mehr erzeugen, was eine Effizienzsteigerung bedeutet. Wenn man bedenkt, dass die Weltbevölkerung stetig wächst, aber die verfügbare Agrarfläche für die Lebensmittelproduktion jährlich sinkt, muss (1.) die Lebensmittelproduktion effizienter werden und/oder (2.) es darf nicht so viel weggeschmissen werden und es muss weniger Fleisch gegessen werden. 

Die Zeit liegt schon lange zurück, wo Hungersnöte geherrscht haben, weil ein Schädling oder eine Krankheit die gesamte Ernte zerstört hat. In unseren Breitengraden hat die moderne Landwirtschaft eine Versorgungssicherheit erreicht, die nicht mehr als außerordentliche Leistung sondern als Selbstverständlichkeit gesehen wird. Und wenn ein Lebensmittel mal nicht aus Österreich verfügbar ist, wird es einfach importiert. Die KonsumentInnen haben somit einfach oft kein Verständnis für die Bäuerinnen und Bauern, wenn sie klagen, dass ein Käfer die ganze aufkeimende Saat auffrisst. Weil im Lebensmittelgeschäft merkt man das einfach nicht. Wenn der Tisch voll gedeckt ist und der Bauch voll ist, ist die Empathie endend wollend. Dennoch ist es für  jeden Landwirten und jede Landwirtin ein Drama, wenn seine oder ihre Ernte zerstört wurde. Sei es, dass man dann nichts zu verkaufen hat und somit auch kein Geld verdienen kann, oder so wie in unserem Fall, dass man nicht genügend Futter für seine Tiere hat. Zum Glück gibt es heutzutage schon gute Versicherungen, aber die gelten auch nicht alles ab, was an Schaden entstanden ist.                                                                                                                Und eines ist traurige Gewissheit: Wenn die gesamte österreichische Ernte ausfallen oder sich alle Bäuerinnen und Bauern dafür entscheiden sollten, aufhören zu wirtschaften, würde es weltweit nicht einmal einen Aufschrei geben, denn wir erzeugen gerade mal 0,2 % des Getreides oder 0,4 % der Milch, gemessen an der Welterzeugung (im Jahr 2017). Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmittel wäre also auch ohne die burgenländische und österreichische Landwirtschaft ohne weiteres möglich. Aber wollen wir das?                                                                                                                               Auf unserem Betrieb gibt es auch Nutztiere und deren Wohl liegt uns sehr am Herzen, auch wenn die Nutztierhaltung nicht mit einer Haustierhaltung zu vergleichen ist. Wir schwärmen nicht den ganzen Tag um unsere Tiere herum, und fragen uns ob es ihnen eh gut geht (das merkt man ohnehin an ihrem Verhalten, wenn man sie beobachtet und das macht man mindestens einmal täglich), und wir sind auch nicht die einzige Bezugsperson für sie. Ich finde es viel wichtiger, dass die Tiere unter ihresgleichen sind, dass sie so gut wie möglich ihre natürlichen Verhaltensweisen ausleben können, dass sie der Art entsprechend gefüttert werden und dass sie keinen Stress haben. Das ist bei Bio-Ställen gleich wie bei konventionellen Ställen. Der größte Unterschied zwischen Bio und Konventionell in Bezug auf die Ställe ist die verfügbare Fläche pro Tier - in Bio haben die Tiere ein größerer Platzangebot und es ist auch ein Auslauf verpflichtend. Das bedeutet, dass auf mehr Fläche weniger Tiere gehalten werden dürfen, d.h. im Umkehrschluss man kann auf größerer Fläche weniger Lebensmittel erzeugen.                                                                                                                                                                                                Damit Sie sich das mit dem Platzangebot für die Tiere besser vorstellen können, möchte ich das Anhand eines Beispiels erläutern. Diejenigen von Ihnen, die in einer Wohnung wohnen und wenig Platz haben, haben kein Problem damit, weil sie es ja so gewöhnt sind. Diejenigen, die ein großes Haus und viel Platz zur Verfügung haben, sind daran gewöhnt und werden sich wahrscheinlich schwer an ein kleineres Platzangebot gewöhnen. Wenn bei uns mal ein Jungrind aus dem Stall entwischt (das kommt immer wieder mal vor) und die Freiheit hat überall hinzugehen, wohin es möchte (weil die laufen dann manchmal auch einige Tage draußen herum und wir haben keinen Zaun), dann bleibt es dennoch neben der Herde stehen und geht allerhöchstens 20-30 Schritte weit weg. Die Herde ist für die Tiere sehr wichtig, viel wichtiger als die "Freiheit".                                                                                                                                             Ich kann schon auch die Verunsicherung der KonsumentInnen verstehen, wenn es um die Nutztierhaltung geht. Denn wenn etwas in den Nachrichten gebracht wird, dann nur was Schlechtes. Auch ich bin sehr betroffen, wenn ich höre, dass Tiere auf einem Bauernhof verhungert sind oder unter grausamsten Bedingungen gehalten wurden. Solche Missstände in Ställen sind zu verurteilen! Aber das sind einige von über 100 000 Betrieben! Alle anderen arbeiten gut! Schließlich brauchen wir gesunde und vitale Tiere, denn diese sind ja auch unser Kapital. Alle die einen Hund oder eine Katze besitzen, sind sicher schon mal beim Tierarzt gewesen und wissen, dass das oft nicht ganz billig ist. Glauben Sie, dass das bei den Nutztieren anders ist? Nein, auch hier kostet jede Behandlung und jeder Medikamenteneinsatz Geld. Außerdem darf dann in der Zeit, wo das Tier behandelt wird, keine Milch oder Fleisch verkauft werden. Bei Bio ist die Wartezeit doppelt so lange, bis die Produkte wieder verkauft werden dürfen. Wenn Medikamente eingesetzt werden, muss das sowohl in der biologischen als auch in der konventionellen Landwirtschaft aufgezeichnet werden.                                                                                                                         Laut Grünen Bericht hatten wir im Jahr 2017 118 Milchwirtschaftsbetriebe im Burgenland, darunter waren 9 Biobetriebe. Mit der Milch, die diese Betriebe erzeugen, können wir uns in unserem Bundesland zu ca. 80 % selbst versorgen (hier ist auch Joghurt, Käse, Butter eingerechnet), d.h. wir brauchen 20 % Milch und Milchprodukte aus den anderen Bundesländern. Nehmen wir mal an, dass - aus welchen Umständen auch immer - die Hälfte der konventionellen Betriebe sich dazu entschließen sollten, nicht mehr weiter zu wirtschaften. Für die Versorgung der Bevölkerung wäre das überhaupt kein Problem, denn das Burgenland erzeugt gerade mal 0,8 % der Milchmenge Österreichs. Also wir würden das im Lebensmittelhandel nicht einmal bemerken.                               Was aber geht damit noch verloren: Für die restlichen Betriebe wäre es enorm schwierig weiter zu wirtschaften. Die Milchabholung ist für die Molkereien in Österreich ohnehin viel kostenintensiver als in anderen EU-Ländern, da unsere Höfe weiter auseinander liegen und wir pro Betrieb weniger Milch anliefern. Wenn nun nur mehr die Hälfte der Betriebe wirtschaften, würde es sich für die Molkerei vielleicht für die "paar" Liter Milch gar nicht auszahlen diese abzuholen. Wenn die Milch von den restlichen Betrieben nicht mehr abgeholt werden würde, bekämen die Bäuerinnen und Bauern auch kein Geld und müssten über kurz oder lang ebenfalls schließen, oder die gesamte Milch direkt vermarkten. Weiters wäre es wahrscheinlich ein Problem einen Tierarzt oder eine Tierärztin zu bekommen. Für Großtiere ist es jetzt schon wirklich schwer einen oder eine zu finden und je weniger Betriebe es gibt, desto weniger Tierärzte werden in der Region bleiben. Es gingen Arbeitsplätze und die regionale Wertschöpfung verloren. Gerade in der Milchwirtschaft wird für die Fütterung der Rinder viel Grünland gebraucht. Artenreiche Futterwiesen und Weiden würden somit nicht mehr bewirtschaftet werden. Damit gingen unweigerlich wertvolle Lebensräume verloren und es würde zu einer Verarmung der Kulturlandschaft kommen! Und was ich fast am Schlimmsten finde: Das Know how, das Wissen wie man es macht, geht verloren! Und wenn das einmal weg ist, ist es weg! Auch wenn die nächste oder übernächste Generation vielleicht wieder zu wirtschaften beginnt, sind da Jahre und Jahrzehnte dazwischen. In dieser Zeit geht unweigerlich Wissen verloren, technische Geräte und Maschinen und Gebäude sind oft nicht mehr vorhanden oder veraltet, die Zuchttiere, die man über sehr viele Jahre gezüchtet hat, wären nicht mehr da - man muss einfach wieder von vorne beginnen und wie jeder weiß "Aller Anfang ist schwer".                                                                                                                   Stellen wir uns ein weiteres Szenario vor: Alle burgenländische Milchviehbetriebe wollen oder müssen auf die biologische Wirtschaftsweise umstellen - aus welchen Gründen auch immer. Derzeit würde es das Aus der burgenländischen Milchwirtschaft bedeuten, denn die Molkereien nehmen keine zusätzlichen Biobetriebe auf. Am Markt ist genug Biomilch vorhanden. Wenn der Markt gesättigt ist, sinkt der Preis. Das ist in jedem Wirtschaftsbereich so. Zur Zeit beträgt der Unterschied zwischen Bio und Konventionell nur 9 Cent pro Kilogramm Milch. Nur 9 Cent bekommen die Biolandwirte für ihre Milch mehr. Das ist nicht viel, denn wie vorher erklärt, haben sie ja auch einen enormen Mehraufwand wie größere Ställe, Auslauf oder längere Wartezeiten bei Medikamenteneinsatz. Wenn noch mehr Milch auf den Markt kommt, verfällt der Preis noch mehr. Also auch dieses Szenario wäre gelinde gesagt, eine Katastrophe für die burgenländische Milchwirtschaft. Das möchte ich mir lieber nicht vorstellen!                                                                                                                                 Ich könnte jetzt noch seitenweise weiter schreiben, aber schön langsam möchte ich zum Schluss meiner ungewohnt bilderlosen Story kommen. Ich finde wir brauchen alle Formen der Landwirtschaft: bio und konventionell, groß und klein, Direktvermarkter und Handelsvermarkter, Pflanzenbauern, Gemüsebauern, Weinbauern und Viehbauern. Wir brauchen die schlagkräftige, eine Menge produzierende Landwirtschaft genauso wie die Kleinstbetriebe.                                 Es ist wichtig, dass sich die Landwirtschaft weiter entwickelt und auch auf die Bedürfnisse der jeweiligen Zeit eingeht. Ich glaube ein sehr wichtiges Bedürfnis heutzutage ist die Kommunikation mit den Menschen. Diesem Thema werden wir uns in der Landwirtschaft stellen (müssen). Das war bis jetzt noch nicht notwendig, aber es wächst nun eine Generation heran, die weder Großeltern noch Eltern mit landwirtschaftliche Wurzeln hat. Die Menschen wollen wissen, wie Landwirtschaft funktioniert, und das sollten wir als Chance und nicht als Bürde empfinden. Wir sollten uns nicht scheuen mit den Konsumenten in Kontakt zu treten und einen Dialog zu beginnen. Denn ansonsten macht es jemand anderer!                                                                                                                       Von den Konsumenten und Konsumentinnen wünsche ich mir, dass sie die Landwirtschaft nicht nur in Schwarz und Weiß kategorisieren, denn jede Wirtschaftsform hat ihre Vor- und Nachteile. Nutzen Sie die Gelegenheit und treten Sie mit uns Bäuerinnen und Bauern in Kontakt, wenn Sie sich darüber informieren wollen wie Nutztierhaltung, Ackerbau, Gemüsebau oder Obstbau funktioniert. Gelegenheit dazu gibt es auf Bauernmärkten, bei "Open Bauernhof" (der einmal jährlich Österreichweit von der Jungbauernschaft organisiert wird), bei DirektvermarkterInnen die am Hof ihre Produkte vermarkten, bei BuschenschänkerInnen, bei SeminarbäuerInnen, bei Schule am Bauernhof-AnbieterInnen, beim Bauern oder bei der Bäuerin vor Ort oder auf Homepages oder Blogs, die sich diesem Thema widmen. Glauben Sie mir, die Landwirtschaft ist eigentlich viel bunter als man vielleicht denken würde ;-).

 

Quellennachweis

https://gruenerbericht.at/cm4/jdownload/send/2-gr-bericht-terreich/1899-gb2018

https://gruenerbericht.at/cm4/jdownload/send/8-gr-bericht-burgenland/2003-burgenland-gb-2017            

                                                                                                      

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Kommentare: 1
  • #1

    Cilli Geißegger (Samstag, 15 Juni 2019 08:41)

    Gratuliere Carina zu diesem hervorragenden Artikel, so wie du schreibst sieht die Realität aus. Aus meiner Sicht kommt noch die immer schwieriger werdende Einkommenssituation dazu, die Abhängigkeit von Förderungen und dass alle Betriebe überbordend kontrolliert werden, obwohl wir schon gläsern sind. (Digitalisierung, Tierkennzeichnung, Tiermeldewesen, ..).