Die Birnen fallen

Dieser Birnenbaum hält uns zur Zeit - so wie jedes Jahr im Herbst - ordentlich auf Trab. Er steht am Straßenrand und hinter ihm befindet sich die Zufahrt zu unserem Haus. Der Baum ist riesig und wirklich wunderschön anzuschauen - vor allem im Frühling wenn er mit Blüten übersät ist. Im Herbst beschert er uns dann ziemlich viel Arbeit, denn es fallen täglich jede Menge Birnen runter. Da es ja schade wäre, wenn wir die Früchte mit dem Auto überfahren, sind wir mindestens einmal am Tag damit beschäftigt, sie von der Straße auf zu klauben.  Der Baum ist sehr hoch und daher kann man die Birnen nicht per Hand ernten oder mit dem Haken einfach alle runterschütteln, denn der reicht höchstens vier - fünf Meter hinauf. Neeeein, da muss man warten bis sie von alleine reif werden und runter fallen. An manchen Tagen kommt weniger runter, an manchen Tagen mehr (meistens dann, wenn man ohnehin wenig Zeit hat, fällt viel herunter). Ooooh welch Freude wir mit diesem Baum haben ;-). 

Doch neben der Arbeit hat er auch seinen Nutzen! Bei den Früchten handelt es sich um Mostbirnen - sie sind im Geschmack sehr herb und als Speisebirnen nicht wirklich geeignet. Aber sie lassen sich hervorragend weiter verarbeiten, zu Most oder Edelbränden. Nach dem Aufsammeln geht es bei uns also folgendermaßen weiter: Wir zermahlen das Obst mit einer sogenannten Obstmühle grob und füllen es in Fässer. Ein Gemisch aus Obststücken und ausfließenden Most entsteht - das ist die sogenannte Maische. Dieses Gemisch lassen wir für einige Wochen stehen - das Ganze vergärt also - und danach brennen wir es zu einem feinen Edelbrand. Den gibt es dann bei unserer Mostschank zu verkosten. Durch diese Veredelung und die damit verbundene Erlöse, die wir durch den Verkauf erzielen, ist der Baum für uns nicht nur schön anzuschauen oder bedeutet nur Arbeit für uns, sondern er hat auch einen ökonomischen Nutzen. Ein schönes Sprichwort sagt "Schutz durch Nutzung" - wenn wir keinen Nutzen von diesem Baum hätten, würde er wahrscheinlich schon lange nicht mehr stehen. Und genau dieses Schicksal hat leider tausende Streuobstbäume in den letzten Jahrzehnten getroffen.

Der Baum ist mittlerweile fast 70 Jahre alt - er war schon da, als wir noch keine asphaltierte Straße, Telefon oder Traktor hatten, als wir mit der Direktvermarktung begannen oder den Rinderlaufstall bauten, und er hat "miterlebt" wie wir es geschafft haben von einer kleinen Nebenerwerbslandwirtschaft in den Vollerwerb über zu gehen. Gepflanzt hat den Baum mein Urgroßvater und er wird mittlerweile in der vierten Generation (wenn man meinen Sohnemann - den fleißigen Birnenernter - und mein Töchterlein - die nicht ganz so begeisterte Birnenernterin - mitzählt, wäre es sogar schon die fünfte Generation) bewirtschaftet.

Zwischen diesen beiden Fotos unten liegen mehr als vier Jahrzehnte - links mein Urgroßvater, rechts mein Sohn. Im Hintergrund sieht man den Birnenbaum und wie er im Lauf der Jahre größer geworden ist. 


Dieses generationsübergreifende Denken ist gerade in der Landwirtschaft von großer Bedeutung. Nicht nur bei diesem Baum, sondern auch in der Viehwirtschaft, in der Grünlandwirtschaft oder im Ackerbau. Wenn meine/unsere Eltern, Großeltern und Urgroßeltern nicht voraus gedacht und in den Betrieb investiert hätten, dann gäbe es diesen für uns heute schon lange nicht mehr. Auch das Wissen, die Erfahrung und das Know-how, das von Generation zu Generation weitergegeben wird, ist sehr wichtig. Aber gleichzeitig ist es auch essentiell, dass man als Landwirt und als Landwirtin eine gute fachliche Ausbildung hat, und - wie in vielen anderen Berufen auch - sich ständig weiter bildet. Allein in unserer Familie haben wir im landwirtschaftlichen Bereich zwei Facharbeiterabschlüsse, einen Meisterabschluss, einen Universitätsabschluss, sieben Abschlüsse von Zertifikatslehrgängen, wir haben an Hygieneschulungen und Allergenschulungen teilgenommen und an zig anderen Kursen, die mir im Moment nicht einfallen.

Dazu sind gute Bildungseinrichtungen, wie landwirtschaftliche Fachschulen und höhere Schulen, die Universität für Bodenkultur und auch das Ländliche Fortbildungsinstitut, unbedingt notwendig. Die Schulen vermitteln umfangreiches Basis-Wissen, vertiefendes Spezial-Wissen und praktische Fertigkeiten. Auf der Universität wird das Ganze durch wissenschaftliches Arbeiten und Forschen ergänzt. Das ländliche Fortbildungsinstitut (kurz LFI) ist die Bildungseinrichtung der Landwirtschaftskammer und bietet zahlreiche Weiterbildungsveranstaltungen, Zertifikatslehrgänge und Kurse an. Wenn ich an unseren Birnenbaum denke, fallen mir schon spontan einige Kurse zum Thema Obst  ein, die vom LFI angeboten werden: Obstveredlerkurs, Obstbaumschnittkurs, Sachgerechter Pflanzenschutz Obstbau oder auch das Verarbeiten und Haltbar machen von Obst. Diese Kurse sind praxisorientiert, zeigen Einkommensalternativen auf und sind für die Weiterentwicklung des ländlichen Raumes enorm wichtig. Ein schönes Sprichwort sagt: Es gibt nur eins, was auf Dauer teuer ist als Bildung, keine Bildung (John F. Kennedy). Dem gibt es nichts mehr hinzuzufügen.

Ich hoffe jedenfalls, dass uns der Birnenbaum noch lange erhalten bleibt, denn ansonsten hätten wir nur halb so viel Spaß (oder Arbeit) im Herbst!