Milchwirtschaft

Ich möchte dieses Kapitel nutzen um unsere Familiengeschichte zu erzählen. Die Milchviehhaltung hat eine lange Tradition und spielt schon sehr lange eine wichtige Rolle in unserer Familie. Früher wurde in unserer Landwirtschaft Milch hauptsächlich zur Eigenversorgung erzeugt. Bis mein Vater den Betrieb übernahm wurde dieser immer im Nebenerwerb geführt. Mein Ururgroßvater und mein Urgroßvater waren Weber und Schneider und mein Großvater Fabriksarbeiter. Mein Vater hat eine Lehre als Elektromechaniker gemacht und auch einige Jahre in den heimischen Betrieben gearbeitet. Da wir nie viel Grundbesitz hatten, war unsere Landwirtschaft immer recht klein.

Über die Jahre hinweg haben sich die Rahmenbedingungen geändert und es gab immer weniger Betriebe, die Milch erzeugten. Auch viele große Bauernhöfe in der Umgebung hörten zu wirtschaften auf. Meine Großeltern wollten aber mit der Milchwirtschaft weiter machen, bauten einen neuen Stall und beschlossen die Milch in Flaschen gefüllt an Kundschaften auszuliefern - nun hatte ja nicht mehr jeder die Milch selber. Das war sehr arbeitsaufwendig, doch so gelang es unsere kleine Landwirtschaft im Nebenerwerb weiterzuführen.

Als meine Eltern den Betrieb übernahm verkauften wir die Milch bereits fast zur Gänze an die Molkerei. Einerseits war das natürlich eine sehr große Arbeitserleichterung, andererseits wurde der Preis den wir über die Jahre hinweg bekamen immer weniger. Meine Eltern begannen mit einer Buschenschank um ein weiteres Einkommensstandbein zu haben. Obwohl die Buschenschank ebenfalls sehr arbeitsaufwendig war, wurde es dadurch möglich den Betrieb im Haupterwerb zu führen.

 

Wenn man einen Blick auf die Geschichte unserer Milchwirtschaft wirft wird einem bewusst, was sich in nur drei Generationen getan hat:

  • Meine Urgroßeltern hatten einen Kuhstall für 4 Milchkühe, haben händisch gemolken und die anfallenden Arbeiten ebenfalls händisch bzw. mit Arbeitstieren erledigt. Die Kühe wurden in der Nacht im Stall gehalten, am Tag auf der Weide. Außerdem hatten sie noch Schweine und Hühner und betrieben Obstbau. 
  • Meine Großeltern haben einen Kuhstall für 15 Milchkühe in ganzjähriger Anbindehaltung gebaut und melkten die Kühe bereits mit einer Melkmaschine. Sie hatten schon einen Traktor für die Feldarbeit und einfache Geräte wie ein Mähwerk am Traktor oder einen Pflug. Auch vier Schweine und Hühner gab es am Betrieb und meine Großmutter begann Gänse und Enten zu halten. Der Obstbau wurde weiter geführt.
  • Meine Eltern haben einen Laufstall für 40 Milchkühe mit Melkstand gebaut. Sie haben zwei Traktoren und einige Maschinen und Geräte wie Mähwerk, Heuschwader, Güllefass, Feldspritze oder eine Egge. Arbeiten für welche wir keine Maschinen und Geräte haben, werden von anderen Bauern gegen Bezahlung erledigt oder wir borgen uns die Maschinen vom Maschinenring aus uns machen die Arbeiten selber. Wir halten außerdem noch etwa 50 Mastschweine pro Jahr, Hühner, Gänse und Enten. Auch der Streuobstbau spielt nach wie vor eine große Rolle.
  • Nun geht der Betrieb in die nächste Generation - mein Bruder und seine Lebensgefährtin haben den Betrieb übernommen. Es wird sich zeigen, wie sich die Milchwirtschaft entwickelt. Bleibt zu hoffen, dass sich die momentan sehr schlechten Milchpreise erholen und unsere Milchwirtschaft auch in den nächsten Generationen weiter bestehen kann.

In der "Geschichte eines Jahrhunderts" habe ich unsere Familiengeschichte detailliert niedergeschrieben.

Begonnen hat die Milchviehhaltung auf unserem Betrieb schon sehr lange. Bis zu meinen Urgroßvater konnten wir die Geschichte nachverfolgen. Er wurde 1888 geboren und hatte fünf Geschwister. Sein Vater war Landwirt und Weber. Sein Sohn sollte deshalb Leinenweber und Schneider lernen. Nach der Lehrzeit ging mein Urgroßvater auf die Walz. Das war die Voraussetzung der Zulassung zur Meisterprüfung. Er durfte in Mödling beim Bürgermeister arbeiten und konnte so seine Meisterprüfung ablegen. Nachdem der Erste Weltkrieg vorbei war, wo er in Kriegsgefangenschaft geraten war, heiratete mein Urgroßvater. 1925 übernahm er die Landwirtschaft, arbeitete als Schneider und bewirtschaftete mit seiner Familie den Betrieb.

Die Rinder wurden in einem kleinen Stall neben dem Haus gehalten, der 1900 gebaut wurde. Die Milch verwendeten meine Urgroßeltern Großteils für den Eigengebrauch und einige Nachbarn holten sich auch welche von uns. Die Kühe wurden händisch gemolken und die Butter-, Rahm- und Topfenproduktion wurde zu Hause durchgeführt. Wenn genug Milch bzw. Milchprodukte vorhanden waren tauschten meine Urgroßeltern den Rest in der Stadt bei einem Kreisler gegen andere Waren ein.

Rinderstall meiner Urgroßeltern. Der alte Kuhstall wurde 1900 gebaut, hatte nur ein kleines Fenster und die Rinder wurden in Anbindehaltung gehalten. Am Tag wurden die Kühe auf die Weide getrieben.

Meine Urgroßeltern bekamen acht Kinder. Ihr ältester Sohn fiel im Zweiten Weltkrieg und der zweitälteste Sohn sollte daher die Landwirtschaft übernehmen. Dieser lernte aber eine reiche Bauerntochter aus Unterschützen kennen, heiratete sie und verließ den elterlichen Betrieb. Mein Großvater war der drittälteste Sohn und so kam es, dass er zu Hause blieb. Er heiratete meine Großmutter und sie bekamen zwei Kinder. Hauptberuflich arbeitete er als Textilarbeiter in einer Fabrik in Pinkafeld und bewirtschaftete nebenbei mit seinen Eltern und meiner Großmutter die Landwirtschaft.

1964 übernahmen meine Großeltern den Betrieb, kurz davor bekamen sie den ersten Traktor. Mein Großvater arbeitete hauptberuflich in der Fabrik weiter und bewirtschaftete die Landwirtschaft im Nebenerwerb. Zu dieser Zeit hörten viele Bauernhöfe auf zu wirtschaften. Die junge Generation fand in den Fabriken bessere Arbeits- und Verdienstmöglichkeiten und viele wollten die schweren landwirtschaftlichen Arbeiten nicht mehr verrichten. Es gab immer weniger Milchwirtschaftsbetriebe in der Umgebung, da diese auch sehr arbeitsintensiv waren. Durch diese Entwicklung gewann die Milch an Bedeutung. Die Entlegenheit unseres Hofes und die schlechten Straßen machten es nicht möglich die Milch ab Hof zu vermarkten. Meine Großeltern hatten daher die Idee die Milch in Flaschen und Kannen zu füllen und zu den Kundschaften nach Hause zu liefern. Der Arbeitsaufwand war groß. Meine Großmutter musste um 4 Uhr morgens aufstehen und die Kühe melken und mein Großvater lieferte sie noch vor Arbeitsbeginn aus. So gelang es aber unsere recht kleine Landwirtschaft weiter zu führen.

In den 70er Jahren bauten meine Großeltern einen neuen Rinderstall für 15 Milchkühe. Für damalige Zeiten war es ein sehr moderner Stall. Die Rinder wurden ganzjährig angebunden gehalten. Das Beweiden war nicht mehr möglich, da die gepachteten Wiesen zu dieser Zeit aufgeforstet wurden. Zum Melken gab es auch schon eine Rohrmelkanlage, wo die Milch durch Röhren vom Rinderstall in die Milchkammer transportiert wurde. Meine Großmutter musste nun nicht mehr die schweren Kannen schleppen. Der Rinderstallbau benötigte einen Kredit von 100.000 Schilling, der mit 16 % verzinst war. Eine sehr große Investition für unseren Betrieb. Die Milch lieferten meine Großeltern nach wie vor an ihre Kundschaften aus. 

 

Rinderstall meiner Großeltern

Links: Der Anbindestall wurde in den 70er Jahren gebaut und hatte Platz für 15 Milchkühe.

In der Mitte sieht man meinen Bruder und mich im Volksschulalter beim Kälbchen füttern.

Rechts bin ich mit eineinhalb Jahren zu sehen, wie ich am Futtergang stehe.

Meine Großeltern bekamen zwei Buben: Erich, meinen Vater, und Franz. Leider verstarb Franz im Alter von  nur zwei Jahren, da er schwer behindert zur Welt gekommen ist. Mein Vater hat nach Abschluss der Pflichtschule eine Lehre in Wien als Elektromechaniker bei der Firma Siemens begonnen. 1971 errichtete die Firma einen neuen Standort in Pinkafeld und er konnte deshalb seine Lehre zu Hause fertig machen. Für meinen Urgroßvater und meine Großeltern war das eine große Erleichterung, da er so auch auf dem Betrieb mithelfen konnte. Mein Großvater ging ja hauptberuflich in die Fabrik arbeiten und mein Urgroßvater war mittlerweile bereits 83 Jahre alt. Bald nach Lehrabschluss lernte mein Vater meine Mutter kennen. Sie kommt aus keinem landwirtschaftlichen Betrieb sondern aus einer Arbeiterfamilie und hat auch bei Siemens gearbeitet. Sie heirateten 1980 und ich und mein Bruder wurden 1981 und 1983 geboren. Als mein Bruder erst wenige Monate alt war beschlossen meine Eltern es mit einer Buschenschank zu versuchen. Diese Form der Direktvermarktung war zu dieser Zeit "in" und sollte dem Betrieb ein zusätzliches Einkommensstandbein ermöglichen. Von der Milchwirtschaft alleine war es nicht möglich eine, geschweige denn zwei Familien zu ernähren.

Auch mit der Milchwirtschaft machten wir weiter. Die Milch lieferten wir nach wie vor an die Kundschaften aus. Ab 1985 verkauften wir die Milch an die Molkerei. Dazu mussten wir diese in große Kannen abfüllen und dann zum "Mülihäusel" nach Riedlingsdorf, wo die Milchsammelstelle war, bringen. Mein Bruder und ich sind oft mitgefahren - ich kann mich noch gut an den Gestank im Auto erinnern, den es gegeben hat wenn einige Tage zuvor Milch ausgeronnen war. Wir lieferten aber auch nach wie vor etwas Milch an unsere Kundschaften aus. Am Samstag durften mein Bruder und ich oft mitfahren. Die Auslieferung war fast eine Tagesaufgabe, denn mein Vater wurde bei jeder Kundschaft zu einem Getränk eingeladen.

1987 absolvierte mein Vater die landwirtschaftliche Meisterprüfung und war nun nur mehr in der Landwirtschaft tätig. Die Landwirtschaft im Nebenerwerb zu bewirtschaften war nicht mehr möglich gewesen. Die Buschenschank war in der Zwischenzeit ein wichtiges Standbein geworden, war aber wie die Milch-wirtschaft auch sehr arbeitsintensiv. 

1992 haben meine Eltern den Betrieb übernommen. In etwa seit diesem Zeitpunkt holt der Milchwagen die Milch von unserem Betrieb zu Hause ab und die privaten Milchkundschaften wurden über die Jahre immer weniger. Wir kauften einen kühlbaren Milchtank und die Milch wurde jeden Tag abgeholt und nach Oberwart in die Molkerei gebracht.  Bis 2008 verarbeite die Molkerei auch in Oberwart die Milch und verkaufte sie über die Marke "Südburgenland" im Lebensmitteleinzelhandel. Dann begann die Molkerei allerdings mit der Produktion von Sojamilch - Kuhmilch wurde in Oberwart nicht mehr verarbeitet. Seit dem liefern wir unsere Milch an die NÖM. 

2004 haben meine Eltern und mein Bruder mit dem Bau eines neuen Liegeboxenlaufstalles für 40 Milchkühe begonnen und 2005 sind sie mit den Tieren eingezogen. Es handelt sich dabei um einem Kaltstall, das bedeutet dass der Stall nicht geheizt wird. An den Seitenflächen befinden sich sogenannte Curtains, die sich bei Bedarf komplett öffnen lassen. Die Rinder können sich frei bewegen, als Liegebereich haben sie mit Stroh ausgelegte Boxen und es gibt einen Melkstand, wo acht Kühe auf einmal gemolken werden können. Die Rinder können ad libitum fressen. Seit einiger Zeit haben wir einen Futtermischwagen. In diesem Wagen kommen alle Futterbestandteile also Heu, Silage, Maissilo, Kraftfutter und Mineralstoffe zusammen und werden wie in einer Knetmaschine miteinander vermischt. Das ist eine sehr große Arbeitserleichterung - zuvor haben wir alles händisch gefüttert, eine sehr schwere und zeitaufwendige Arbeit. Mit dem Futtermischwagen fahren wir den Futtergang entlang und die Maschine befördert das Futter direkt auf den Futtertisch. Die Entmistung erfolgt automatisch. 

Als wir vor 12 Jahren in den Stall eingezogen sind, zählten wir eher zu den Großbetrieben. Doch der Trend geht immer mehr zu noch größeren Ställen mit viel mehr Tieren und mittlerweile sind wir wieder eher ein "Kleinbetrieb" unter den Milchviehhaltern. Aber ich bin überzeugt, dass wir mit unseren "kleinen" Landwirtschaft mit viel Direktvermarktung und verschiedenen Betriebszweigen auch in Zukunft gut weiter bestehen können.

Rinderstall meiner Eltern. Unser neuer Liegeboxenlaufstall in dem sich die Rinder frei bewegen können. Es gibt einen Melkstand und eine automatische Entmistung, gebaut 2004 und 2005.

 

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